Zahnarzt Paul Nassadowski

Craniomandibuläre Dysfunktion: Wenn der Kiefer das Gleichgewicht des Körpers stört

Viele Menschen leiden unter Kopfschmerzen, Tinnitus, Schwindel oder anhaltenden Verspannungen und finden trotz zahlreicher Untersuchungen keine Ursache. Häufig liegt der Ursprung jedoch im Kiefer. Die sogenannte craniomandibuläre Dysfunktion, kurz CMD, beschreibt eine Fehlsteuerung des Kausystems, die heute zu den weitverbreitetsten Funktionsstörungen gehört.

"Ich wusste nicht, dass meine Beschwerden vom Kiefer kommen"

Wenn Zähne und Körper im Einklang sind, findet der Körper zur Ruhe

Eine umfangreiche Meta Studie der Medizinischen Universität Lublin, in der 74 internationale Untersuchungen mit mehr als 170000 Teilnehmenden ausgewertet wurden (1), belegt, dass bis zu ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung von CMD betroffen ist. Grund dafür ist die komplexe Struktur des Kiefergelenks. Es arbeitet ununterbrochen, ist über den Unterkiefer doppelt verbunden und wird durch ein empfindliches Zusammenspiel von Muskeln, Nerven und Bändern gesteuert. Diese sind nicht nur beim Kauen oder Sprechen aktiv, sondern selbst in Ruhephasen in Bewegung. Stress, Fehlhaltungen und nächtliches Zähneknirschen, auch Bruxismus genannt, verstärken die Belastung zusätzlich. Besonders häufig tritt CMD bei Frauen auf. Laut Untersuchungen der Berliner Zahnmedizinerin Ingrid Peroz an der Charité (2) hängt dies mit einem weicheren Bindegewebe zusammen, das eine größere Beweglichkeit der Kiefergelenke ermöglicht. Eine brasilianische Studie der Universität São Paulo unter Leitung von Alessandra Galhardo aus dem Jahr 2022 (3)  zeigt zudem, dass die Beschwerden nach der Menopause oft abklingen. Der Rückgang des Östrogenspiegels senkt die Schmerzempfindlichkeit, und mit abnehmender Stressbelastung reduziert sich auch die Anspannung in der Kiefermuskulatur.

Hinzu kommt, dass Zähne und Kiefer nicht immer störungsfrei wachsen. Der Zahnwechsel verläuft nicht bei allen Menschen ideal, und Zähne finden nicht zwingend ihren vorgesehenen Platz. Im Laufe des Lebens verändern sie sich weiter, weil wir ständig zusammenbeißen. Es gibt keine Kräfte, die sie zuverlässig in ihre ursprüngliche Position zurückführen. Im Gegenteil, Pressen, Knirschen und anhaltender Stress verstärken diese Verschiebungen. Eine Veränderung der Zahnstellung beeinflusst das Kiefergelenk, und ein verstelltes Gelenk wirkt sich auf den gesamten Körper aus. Zahnverlust beschleunigt diese Entwicklung zusätzlich und wirkt wie ein Verstärker, der den Verschleiß weiter antreibt. Da häufig niemand das Zusammenspiel als Ganzes betrachtet, bleiben diese Veränderungen im System bestehen und richten über Jahre hinweg Schaden an. Entscheidend ist daher, auf der Zeitachse der Gebissentwicklung die Entwicklung anzuhalten und in ihren funktionellen Ursprung zurückzuführen. Den physiologischen Biss eines dreizehnjährigen Menschen wiederherzustellen ist möglich, und genau das bildet einen zentralen Ansatz unserer Behandlung.

Warum Fehlstellungen im Gebiss zu systemischen Beschwerden führen

Wie sich eine CMD äußert, hängt vom Alter ab. Jüngere Betroffene klagen häufig über schmerzhaft verspannte Muskeln, während bei älteren Menschen häufiger Verschleißerscheinungen im Gelenk auftreten. Die Diagnose gestaltet sich oft schwierig, da die Symptome unspezifisch sind. Druckschmerz an den Schläfen, Knacken beim Öffnen des Mundes, Bewegungseinschränkungen des Unterkiefers oder Zahnschmerzen ohne erkennbare Ursache sind typisch. Auch Beschwerden, die zunächst fern des Kiefers erscheinen, wie Nackenverspannungen, Rückenschmerzen oder Schwindel, können von dort ausgehen. Viele Patienten werden erst nach einem langen Weg durch verschiedene Fachrichtungen richtig diagnostiziert. Ein deutlicher Zusammenhang besteht auch zwischen CMD und Tinnitus. Eine Untersuchung des Policlinico di Milano (4) ergab, dass nahezu alle Tinnituspatienten, insgesamt 97,8 Prozent, gleichzeitig Anzeichen einer CMD zeigten. Etwa ein Viertel der CMD Betroffenen wiederum litt unter Ohrgeräuschen. Ob der Tinnitus Folge oder Auslöser der Fehlfunktion ist, bleibt offen. In beiden Fällen kann sich das Ohrensausen im Zuge einer erfolgreichen CMD Therapie häufig deutlich bessern. Die Prognose für eine erfolgreiche Behandlung ist günstig. Entscheidend ist, die Ursachen zu erkennen und die Fehlbelastung zu beseitigen. Oft reicht es bereits, unbewusste Gewohnheiten zu verändern, etwa das ständige Zusammenpressen der Zähne oder das Kauen auf Lippen und Wangen. Ergänzend helfen physiotherapeutische Maßnahmen, um verspannte Muskeln zu lösen, sowie logopädische Übungen, die das Schluck und Zungenmuster korrigieren.

Den Biss eines Teenagers wiederherzustellen ist möglich,
und genau das ist unser zentralen Ansatz der Behandlung

In unserer Praxis steht die individuell angepasste Funktionsschiene im Mittelpunkt der Therapie. Sie wird präzise gefertigt und meist nachts getragen, um den Biss zu entlasten und das Zusammenspiel von Zähnen, Muskulatur und Gelenken wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Die Schiene verteilt den Kaudruck gleichmäßig, schützt die Zähne und ermöglicht der Muskulatur, sich zu entspannen. So kann sich das neuromuskuläre System schrittweise normalisieren. Darüber hinaus wird der Biss genau analysiert und, falls erforderlich, korrigiert. Selbst minimale Fehlkontakte zwischen Ober und Unterkiefer können den Bewegungsablauf stören und Verspannungen im gesamten Körper verursachen. Durch fein abgestimmte Korrekturen der Kauflächen lässt sich die ursprüngliche Funktion wiederherstellen, oft mit spürbarer Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens. Unterstützend wirken einfache Maßnahmen im Alltag. Eine entspannte Kieferhaltung, das Vermeiden von Kaugummikauen, bewusstes Entlasten der Gesichtsmuskulatur und Schlafen in Rückenlage tragen zur Entspannung des gesamten Systems bei. In Ruhe sollten sich die Zähne nicht berühren, dieser kleine Unterschied kann entscheidend sein. Operative oder medikamentöse Behandlungen sind in der Regel nicht erforderlich. Die Erfahrung zeigt, dass sich die meisten Beschwerden durch eine exakt angepasste Schienentherapie und die funktionelle Korrektur des Bisses dauerhaft regulieren lassen. Damit kehrt nicht nur Ruhe in den Kiefer zurück, sondern auch Entlastung in den gesamten Körper.

Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)

Mögliche Symptome durch eine Fehlstellung der Zähne und des Kiefers

"Ich hätte nicht gedacht, dass mein Kiefer so viel auslöst"

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Quellen:

1. Zieliński G., Pająk-Zielińska B., Ginszt M. et al. (2024). „A Meta-Analysis of the Global Prevalence of Temporomandibular Disorders“. Journal of Clinical Medicine, 13(5), 1365. DOI: 10.3390/jcm13051365.

2. Peroz I. et al. „Screening for craniomandibular dysfunctions is important“. Schmerz. 2020 Oct;34(5):436-437. DOI: 10.1007/s00482-020-00489-3.

3. Galhardo A.P.M. et al. (2022). Does temporomandibular disorder correlate with menopausal symptoms? Menopause, 29(6), 728–733. DOI: 10.1097/GME.0000000000001962 . (Publikationsdatum: Juni 2022; PMID: 35544600 . Leitung: Dr. Alessandra Galhardo, Universität São Paulo.)

4.Didier A. et al. (2023).Somatosensory tinnitus and temporomandibular disorders, a common association. Journal of Oral Rehabilitation, 50(11), 1181 bis 1184. DOI: 10.1111/joor.13541